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Emanuel Geibel (1815-1884)
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Leddes



Anmeldungsdatum: 11.01.2007
Beiträge: 1356
Wohnort: Baden-Baden

Verfasst am: Do, 09.10.2008, 17:26    Titel: Emanuel Geibel (1815-1884)  

Am Waldsee

Da draußen an der Halde,
Da singt ein Vöglein frei:
Jung Blut, geh' nicht zu Walde,
Im Walde wohnt die Fei.

Bei Tag im Grase funkelt
Ihr schuppiger Schlangenleib!
Doch wenn der Abend dunkelt,
Wird sie ein schönes Weib.

Sie sitzt in Mondscheinnächten
Am schwarzen See im Tann,
Und löst die langen Flechten,
Und lockt den Wandersmann.

Da blitzen ihr die Augen
Wie blauer Edelstein;
Ihre kalten Lippen saugen
Sein rothes Leben ein.

Es schallt wie Wonn' und Grausen
Ihr Lachen durch die Nacht,
Bis fern mit kühlem Sausen
Der Morgenwind erwacht.

Dann ächzt es in den Tannen,
Dann braust's im Wogenschlund;
Eine Schlange rauscht von bannen,
Eine Leiche liegt am Grund
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Leddes



Anmeldungsdatum: 11.01.2007
Beiträge: 1356
Wohnort: Baden-Baden

Verfasst am: Do, 09.10.2008, 17:41    Titel:  

Herbstnacht

Ich schreit' hinan die Waldesbahn
In Finsterniß und Schweigen,
Da kommt ein Sausen dumpf heran,
Da rührt sich's in den Zweigen,
Der Geist der Nacht ist aufgewacht,
Er singt in dunklen Zungen;
Hei, wie so wild das braust und schwillt
Von Berg zu Berg geschwungen.

Dahin, daher wie Wogen im Meer
Wiegen die Wipfel und schwanken,
Schon rieselt das Laub herab in den Staub,
Schon brechen Aest' und Ranken;
Der Eiche First erseufzt und birst,
Die Fichte kracht vom Hange,
Der Wildbach zischt, verkehrt in Gischt,
Wie eine bäumende Schlange.

Im Busch verirrt die Eule schwirrt,
Die Augen roth ihr funkeln,
Der Dammhirsch setzt vom Sturm gehetzt
Quer über den Steig im Dunkeln.
Das kreischt und ruft aus Fels und Kluft,
Das ist ein Flattern und Rasen,
Dazwischen schallt aus hoher Luft
Des wilden Jägers Blasen.

Laß schallen sein Hörn, laß sieden den Born,
Laß Busch und Wipfel brausen,
Laß krachen die Tann in des Windes Zorn!
Mir soll darob nicht grausen.
Ich weiß einen Bann, der zwingen kann
Den Nachtgeist, wie er wüte:
Von dir ein Lied, Geliebte, zieht
Mir wonnig durch's Gemüte.

Bei Lampenschein jetzt harrst du mein
Im warmen Erkersaale,
Aus rankendem Grün rings Blumen glühn,
Von Düften qualmt die Schale.

Du horchst empor mit leisem Ohr:
»So war's der Nachtsturm wieder?«
Entfesselt rollt der Locken Gold
Dir über die Stirn hernieder.

Gott grüß dich Kind! Ich schreite geschwind
Wie der Pilger zum tröstenden Bilde.
Deine Hand so weiß, wie wird sie mit Fleiß
Das Haar mir schlichten, das wilde!
Wie wird dein Mund bis zum Herzensgrund
Mit Küssen den Frost mir zerthauen!
O selige Rast! – drum weiter in Hast
Durch die Nacht, durch den Sturm, durch das Grauen!
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